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Quecksilber

So gut sich Three Rivers meiner Seele anschmiegte, umsomehr zog mich Narrow Falls runter. Three Rivers hatte sich selbst vor 14 Jahren trocken gewählt. Klar, gelegentlich wurde die ein oder andere Flasche reingeschmuggelt, ich selbst flog einmal einen Ersoffenen, bedingt durch saufen, raus aus dem Reservat. Und wenn sie auf Besuch in der Stadt waren gab es oft eine große Weinerei beim Abschied.
Aber im Dorf selbst lachten die Leute und machten Witze mit und über uns, halfen uns beim docken und entladen. An Krankenflugtagen genossen die Gebrechlichsten und leidesten Mitglieder der Gemeinschaft handfeste und mitfühlende Hilfe vom stolzesten der Stolzen. Wenn eine Person halb gelähmt von Krankheit oder Schmerz ist, stellt es ein ziemliches Problem dar, die schmale Planke hoch zu gehen, sich zu bücken und auf den Buschsitz zu quetschen. Nach Narrow Falls schlängelte sich eine Straße, die es mit dem Rest der Welt verband. Nur wenn die überflutet wurde, regelmäßig im Frühjahr, wenn der Regen und geschmolzener Schnee nicht durch den noch gefrorenen Boden abfließen konnte, oder ein Haufen schrottiger Unfallautos die Durchfahrt verhinderten, flogen wir rein. So um die zwanzig heruntergekommene Häuser beschmutzten den Rand eines recht großen Sees. Es wurde einem geraten, den Fisch daraus nicht zu essen. Vor 15 Jahren baute die Elektrizitätsgesellschaft einen riesigen Damm flussaufwärts. Der Stausee setzte den ganzen Busch unter Wasser, und Quecksilber wurde aus dem Erdreich und der verrottenden Biomasse abwärts gespült. Die national geltende Höchstmenge ist seitdem überschritten. Nach jahrelangen Gerichtskämpfen, vielen Todesfällen und Körper-Deformationen, verursacht durch die Verunreinigung, gewannen die Indianer eine Geldentschädigung.
Der Häuptling und sein Bruder unterschlugen und stahlen die Hälfte davon und verließen die Gegend für immer, der Rest kaufte dem Reservat soviel Feuerwasser umso ziemlich alle Erwachsenen zu zerstören, und die Kinder zahlten den allerhöchsten Preis. Ein Ontario Provincial Polizist erzählte mir, dass sie im Winter mit T-Shirts und Turnschuhen, aus denen die Zehen rausschauen, bei minus 40 Grad rumlaufen. Wenn sie krank sind pflegt sie keiner. Die Eltern liegen irgendwo im Rausch oder trinken bei einer der immerwährenden Parties. Die Selbstmordrate ist die höchste im ganzen Land. Im Sommer vergeht kaum eine Woche ohne einen gewaltsamen Tod.
Mal eine Selbsterhängung, mal ein brutaler Messer- oder Axtmord, und auch Schusswaffen werden benutzt. Ein paar Mal fand er eine Leiche, wo die Leber, die dem ständigen Druck der Überbelastung nicht mehr standgehalten hatte und explodiert war, Blut aus den Ohren, Mund, Arschloch und Nasenlöchern schießend. Eine sehr blutige Angelegenheit. Ich konnte es mir vorstellen. Als ich meinen Vogel an ein paar morschen Brettern, zusammengehalten von rostigen, krummen Nägeln und dünnen Seilen, festband, humpelten zwei Kinder zum Flugzeug herunter.
„Hast du Suff mitgebracht, weißer Mann?“ fragte mich einer keck.
„Wieso seid ihr nicht in der Schule?“ erwiderte ich verblüfft.
„Wir müssen nicht zur Schule. Wir sind Indianer. Hast du nun Suff oder nein?“
„Nein. Ich hab' kein' Alkohol.“
„Dann verpiss' dich du Wichser, hau ab!“ Er konnte nicht älter als acht sein, struppig und dreckig. Ich will nach vorne stürzen und ihn mir schnappen, da erkenne ich aus dem Augenwinkel heraus eine Bewegung an der Rückseite des Flugzeuges. Ein anderer, noch jüngerer hat sich durch die hintere Luke gezwängt und versuchte alles, was er ergreifen konnte, zu stehlen. Der Ältere warnte ihn durch einen Schrei und der kleine Junge sprang in den See und versuchte zu schwimmen, begann aber zu unterzugehen, so dass ich mit einem Fuß auf dem Schwimmer und mit einer Hand am Flügelstützer hängend in seinen Haarschopf griff und ihn rüber zum Dock zog. Er schlug nach mir und rannte seinem Kumpel nach, fluchend und schreiend. Ich entlud die drei Pakete aus meinem Vogel, stapelte sie auf dem Sandstrand. Schulbücher und zwei mit Gesundheits- und Wohlfahrtsaufklebern. Ich sah mich ein bisschen im Dorf um, erstaunt über den Unrat.
Müll lag überall verstreut und Plastikstücke flatterten im Wind. Ein Haufen grauer Geweihe und ein paar zahnlose grinsende Elchschädel verbreiteten morbide Schwingungen, ein Schneemobil auf die Seite gekippt, seine Verkleidung durchlöchert und die Raupenkette gerissen. Dann sah ich die Zwei wieder, einen Erwachsenen im Schlepptau. In der einen Hand hielt er eine Flasche, es konnte nur Whiskey sein, in der anderen ein Gewehr.
Vom Hügel herunter zeigten die Blagen auf mich und schrieen den Alten an, vielleicht dreißig Meter von mir, dem Dock und meiner DHC-2 entfernt. Ich konnte kaum glauben was dann geschah. Der Mann ging in die Knie, presste den Schaft der Jagdwaffe in seine Schulter und zielte auf mich. Ich hab' Docks schon schnell verlassen, aber diesmal brach ich alle Rekorde. Ich hatte die Beaver vom Steg gedrückt und den Motor an, bevor der erste Schuss durch die Stille peitschte. Er musste wohl vorbeigeschossen haben, denn den Zweiten fühlte ich in das Flugzeug einschlagen. Selbstverständlich hielt ich nicht an, ich spekulierte ,dass meine Chancen, mit einem getroffenen Flugzeug besser standen, als rum zu stehen bis er mich traf. Am heimischen Base fanden wir ein Loch am oberen Schwanzruder. Tom rief die Bullen. Ein Streifenwagen wurde zu uns geschickt.
„Wir fahren hin und checken das durch.“, meinte der rothaarige Polizist, “aber passieren wird sowieso nichts. Es wird keine Zeugen geben. Die können sich an nichts erinnern, selbst wenn sie es versuchen würden.“
„Wieso wird nichts unternommen, um den Kindern zu helfen?“ fragte ich.
„Die Sozialarbeiter haben es versucht, so gut sie konnten. Aber die haben jetzt auch Angst. Eine Frau haben sie dort vergewaltigt und umgebracht, ein paar Männer sind richtig gut durchgeprügelt worden. Vor 15 Jahren, bevor der Damm gebaut war, lebten so um die sechzig Familien in Narrow Falls, jetzt, soviel ich weiß noch vierzehn. Ich gebe denen noch fünf Jahre, dann hat sich das Problem von selbst gelöst.“ Wir sind da nicht mehr hingeflogen.



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